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Skyrunning World Championships 2014: Mont Blanc Marathon

Meine Geschichte vom vergangenen Wochenende ist keine Geschichte von großer sportlicher Leistung, übertriebenem Durchhaltewillen oder einfach nur einer gigantischen Regenschlacht, wie man anderenorts in diversen Internetblogs und Berichten zur Skyrunning WM in Chamonix-Mont-Blanc lesen kann. Meine Geschichte soll auch nicht abermals von persönlichem Unglück, Verletzungspech und Rückschlägen handeln, obwohl sie auf den ersten Blick natürlich genau das ist. – Nein, meine Geschichte erzählt von unzähligen besonderen Menschen, die mich am Boden meiner körperlichen Tatsachen angelangt so herzlich aufgefangen haben, dass ich davon in den für mich schwersten Minuten des Sonntagvormittags aus Freude zu mindestens einer Träne im Auge gerührt war, während der Rest meines Körpers unterkühlt bibberte und zitterte.

Donnerstagvormittag brach ich von Bayreuth aus auf in Richtung Büttelborn, um dort auf Tom, Vivi, Hendrik und André (von unserem gemeinsamen Ausrüster Polar) zu treffen und mich auf den Weg in Richtung Süden, in Richtung meines ursprünglichen Jahreshöhepunktes zu machen. Die letzten Wochen bzw. Monate sprachen eigentlich eine klare Sprache: Es benötigt mehr als nur ein bisschen Glück, um den Lauf mit all den Blessuren und dem mangelnden Training durchzustehen.

Hendrik, Tom und Vivi (v.l.n.r.) am Ortseingang von Chamonix

Hendrik, Tom und Vivi (v.l.n.r.) am Ortseingang von Chamonix

Tom und Hendrik auf der Messe mit dem Aiguille du Midi (3842 m ü. NN) im Hintergrund

Tom und Hendrik auf der Messe mit dem Aiguille du Midi (3842 m ü. NN) im Hintergrund

Tom und Vivi mit dem Mont Blanc (4810 m ü. NN) im Hintergrund

Tom und Vivi mit dem Mont Blanc (4810 m ü. NN) im Hintergrund

Doch die Tage vor dem Startschuss am Sonntagmorgen mit unserer kleinen Reisegruppe unterwegs auf ein paar Trails rund um und über Chamonix sowie unterhalb des Les Bossons Gletschers gaben mir zunehmend Kraft und Hoffnung, dass es irgendwie alles auch gut ausgehen könnte.

Kaum in den Laufschuhen, trieb es mich immer wieder hoch und noch höher. Überwältigt von der Landschaft und schon den nächsten Gipfel als Zielpunkt auserkoren – wobei das natürlich so kurz vor dem Wettkampf nicht praktikabel war – zog es mich hinauf. All die Zweifel waren plötzlich wie verflogen, ich wollte einfach laufen.

Immer aufwärts! (Foto: André Velonjara für Polar Electro GmbH Deutschland)

Immer aufwärts! (Foto: André Velonjara für Polar Electro GmbH Deutschland)

Tom, Hendrik und ich am Planpraz (ca. 2000 m ü. NN), im Hintergrund links der Les Bossons Gletscher (Foto: André Velonjara für Polar Electro GmbH Deutschland)

Tom, Hendrik und ich am Planpraz (ca. 2000 m ü. NN), im Hintergrund links der Les Bossons Gletscher (Foto: André Velonjara für Polar Electro GmbH Deutschland)

Der untere Teil des Aufstiegs hoch zum Col de Brévent (ca. 2380 m ü. NN.), den ich als einziger nach dem Fotoshoot anging (Foto: André Velonjara für Polar Electro GmbH Deutschland)

Der untere Teil des Aufstiegs hoch zum Col de Brévent (ca. 2380 m ü. NN.), den ich als einziger nach dem Fotoshoot anging (Foto: André Velonjara für Polar Electro GmbH Deutschland)

Und auch am Sonntag war es zunächst nicht anders: Zehn Minuten vor dem Start setzte sinnflutartiger Regen ein, der auch unterwegs kaum schwächer werden sollte, doch es war mir egal. Ich war einfach überglücklich, ein paar Meter hinter der Linie neben all den Gleichgesinnten im Wasserschutt zu stehen und in einem fremden Land mit einer für mich absolut unverständlichen Sprache – alter Lateiner, der ich bin – eine unbekannte Strecke vor den Füßen zu haben. Es ging mir in den vergangenen Monaten wohl selten besser als in diesem Moment.

Der Startschuss fiel, alle rannten los, Publikum säumte morgens um 7:00 Uhr die Fußgängerzone, um uns alle hinaus in Richtung Argentiére zu schreien. Es war phantastisch! Bis zu den ersten welligen Steigungen arbeitete ich mich vor bis zwischen die dritte und vierte Frau, lag unter den Top 100 von über 2200 Startern. So konnte es weitergehen. Überall immer wieder versprengt Zuschauer und Fotografen: „Allez!“ – „¡Venga!“

Noch ganz anständig im Regenschutt unterwegs (Foto: Maindru Photo, lincensed by Dominik Briselat)

Noch ganz anständig im Regenschutt unterwegs (Foto: Maindru Photo, lincensed by Dominik Briselat)

Über Wurzeltrails ging es auf und ab, die Höhenmeteranzeige schoss schon jetzt auf der flacheren Passage des Rennes in die Höhe. Aber: Mir ging es gut. Vor allem konditionell lief ich im sehr grünen Bereich, die Verpflegung funktionierte, bergan machte ich Plätze gut, bergab nahm ich vorsichtshalber etwas raus. – „Allez!“

Kilometer 14 war vorbei, die Zeit passte, die Platzierung konnte ich halten. – Doch: Autsch! Da war es wieder, das Ziehen an der Beinrückseite, dass mich seit Antholz unregelmäßig verfolgt. Ich konnte mein Bein nicht mehr durchstrecken, begann unrund zu laufen und hatte mit jedem Meter mehr Spannung auf der Muskulatur. Ein kurzer, knackiger Asphaltdownhill sollte den Tag für mich besiegeln. So schnell wollte ich aber nicht aufgeben und schleppte mich weiter. Bis Kilometer 17 verlor ich ca. 30 Plätze, dann folgte der längste Anstieg auf den höchsten Punkt der Strecke. Ich konnte nur noch gehen. Mein rechtes Bein machte dicht. Weiter, immer weiter! Vielleicht geht es ja plötzlich wieder?

Kurz vor dem für mich entscheidenden Downhill zusammen mit Maite Maiora-Elizondo (4. zu diesem Zeitpunkt, 6. in 4:08:42 h im Ziel) (Foto: André Velonjara für Polar Electro GmbH Deutschland)

Kurz vor dem für mich entscheidenden Downhill zusammen mit Maite Maiora-Elizondo (4. zu diesem Zeitpunkt, 6. in 4:08:42 h im Ziel) (Foto: André Velonjara für Polar Electro GmbH Deutschland)

Von hinten bekam ich von mit Sicherheit der Hälfte der 120 Läufer, die mich bis zum Col des Posettes (1998 m ü. NN) überholten, einen Klaps auf die Schulter oder mindestens ein paar anfeuernde Worte: „Allez!“ – „Come on, keep on going!“

Mir wurde dennoch kalt. Ich war zu langsam für dieses Wetter, für Windböen bis 60 km/h und Dauerstarkregen bei nur knapp über dem Gefrierpunkt auf 1998 m ü. NN. Doch bis dort oben glaubte ich dennoch fest daran weiterzumachen, weil es mir die anderen Läufer zuriefen.

Dann ging es bergab. Und hier war es dann ganz klar: Es ging nicht mehr weiter. Bergab konnte ich nicht einmal mehr laufen, musste auch hier gehen, weil mein rechtes Bein die Stöße nicht richtig abfangen konnte. Etwa 100 Höhenmeter unterhalb der Verpflegungsstation – an der es kaltes Wasser und kalte Cola gab und sonst nichts – signalisierte ich zwei Streckenposten, dass es die weiteren 600 Höhenmeter für mich nur noch viá Seilbahn hinab gehen konnte. Die beiden sorgten innerhalb von einer Minute dafür, dass ich kostenfrei abfahren konnte. Unten erwartete mich ein weiterer Posten, der sich nach meinem Wohlbefinden erkundigte. – Klar ging es mir gut. 😉

Nächster Stopp: nächste einsehbare Café-Bar. Tür auf, Blicke auf sich ziehen und…

– sofortige Hilfe bekommen: einen heißen Tee, ein Snickers – wobei das Rennen ja eher kürzer als länger für mich dauern sollte. Die Gäste boten mir umgehend ihre Fleeceshirts und Jacken an, ein Geschirrhandtuch – ein anderes war schließlich nicht da. Ich bibberte und zitterte, wie ich es noch nie getan habe. Kalt. Es war einfach nur kalt. Ich beruhigte die zahlreichen hilfsbereiten Menschen um mich herum, dass mein Körper das schon selbst wieder auf die Reihe bringt. Was er auch tat, aber wohl umso schneller, da ich von all den Franzosen, deren Sprache ich weder spreche noch verstehe, sofort alles Wichtige bekommen habe, was man in so einer Situation benötigt. Hier stand sie nun in meinen Augen, die kleine Träne vor Freude. – Hendrik meinte im Ziel dazu: „In Deutschland hätte man dich nur angemacht, warum du auch so blöd bist, so einen Lauf überhaupt bei dem Wetter mitzumachen. In anderen Nationen erweist man den Sportlern deutlich mehr Respekt.“ Wie Recht er doch damit hat.

Ich klingelte mit dem Mobiltelefon bei Vivi und André durch, die innerhalb weniger Minuten bei mir eintrafen. Vivi brachte eine dicke Jacke und Handschuhe, eine trockene Mütze hatte ich zum Glück noch in der Innentasche meines Rucksacks. Zusammen ging es dann zurück nach Chamonix, um Tom und Hendrik im Ziel zu erwarten, welche ab KM 30 ebenfalls mächtig zu kämpfen hatten: der eine mit Schwindel, der andere mit Krämpfen. Beide bissen sich durch, erarbeiteten sich ihre Medaille.

Ich biss, so lange ich konnte oder es für sinnvoll erachtete. …wobei man sich nach dem Sinn manchmal fragen darf. Ich bekam keine Medaille. Dafür aber so viel Mitmenschlichkeit und Hilfe, wie ich es nie in einem fremden Land – in dem sich die Deutschen vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert noch dazu „nicht gerade rühmlich“ aufgeführt haben – für möglich gehalten habe. Mein Team war für mich da, als ich es gebraucht habe. Und meine Konkurrenten auf der Strecke wurden das, was im Fußball gern als „der zwölfte Mann“ beschrieben wird.

Freitags noch laufend am Planpraz, im Hintergrund der Mont Blanc (Foto: André Velonjara für Polar Electro GmbH Deutschland)

Freitags noch laufend am Planpraz, im Hintergrund der Mont Blanc (Foto: André Velonjara für Polar Electro GmbH Deutschland)

So bleibt nicht in erster Linie das Ausscheiden, womit nach der Vorgeschichte ohnehin zu einer höheren Prozentzahl zumindest zu rechnen war, sondern vor allem die Tatsache, dass mich niemand auf und entlang der Strecke hat hängen lassen, als ich Hilfe benötigte. Danke!

Mit der nötigen Gelassenheit und Zuversicht für die kommende Saison blicke ich nun in Richtung vorzeitigem Saisonende.

Dominik

(Der Artikel erschien erstmalig im Sportics Talents Blog.)

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