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Wenn die Sonne wieder scheint – ein Kurztrip über die Alpen (Teil 2)

Am Sonntagmorgen verließen wir das Gebiet rund um die Drei Zinnen und fuhren in Richtung Südwesten zur Sellagruppe, deren bekanntester und höchster Gipfel der Piz Boè (3152 m) ist, welcher im Juli jeden Jahres im Rahmen des „Dolomites Skyrace“ von Läufern aus der ganzen Welt erklommen wird. Mein Vater und ich hatten uns aber den Pisciadù-Klettersteig vorgenommen, der zu den schönsten Klettersteigen der Dolomiten und darüber hinaus zählt. Etwas mehr als 700 Drahtseil-gesicherte Höhenmeter lagen vor uns.
Von einem Parkplatz zwischen Corvara und Grödner Joch führte ein kurzer Zustieg zum Einstieg, der vom kräftigen Regen des Vorabends noch nass und dementsprechend etwas rutschig war. Nach einer kurzen Kletterpassage folgte ein kurzes Stück Wanderweg bis zu einem Wasserfall. Von dort aus stiegen wir in den langen Teil den Exnerturm hinauf ein.

Schwindelfrei sollte man hier besser sein. (Bild: Martin Briselat)

Schwindelfrei sollte man hier besser sein. (Bild: Martin Briselat)

Da unterwegs zwar nicht übermäßig, aber reichlich Andrang herrschte, war genug Zeit für einige Fotopausen und das Suchen von natürlichen Griffmöglichkeiten in der Wand, so dass ich im oberen, fast senkrechten Teil nur noch sporadisch die Sicherungsseile als Handlauf benötigte – gesichert war ich natürlich dennoch.

Mein Vater überquert die abschließende Brücke zwischen Exnerturm und Sellastock.

Mein Vater überquert die abschließende Brücke zwischen Exnerturm und Sellastock.

Gegen 14:30 Uhr kamen wir am Ausstieg an und wurden zunächst nur von einem kurzen und leichten Regenschauer überrascht. Daraufhin besserte sich die Witterung rasch, so dass wir bei Sonnenschein die Pisciadù-Hütte (2585 m) erreichten.

Der Piz Boè ist der höchste Gipfel der Sellagruppe – fotografiert vom Ende des Klettersteigs.

Der Piz Boè ist der höchste Gipfel der Sellagruppe – fotografiert vom Ende des Klettersteigs.

Die Pisciadù-Hütte neben dem gleichnamigen Gipfel (2985 m) und Gebirgssee

Die Pisciadù-Hütte neben dem gleichnamigen Gipfel (2985 m) und Gebirgssee

Während mein Vater die Hütte zur Rast nutzte, verstaute ich kurzerhand mein Klettergeschirr im Rucksack, stellte ihn bei der Hütte ab und beschloss die Gelegenheit zu nutzen, um in Richtung Piz Boè zu laufen. Ohne den großen Rucksack auf dem Rücken fühlte ich mich fast wie schwerelos und war deutlich wendiger als mit all dem Ballast.
Die Strecke war dabei ziemlich fordernd und geprägt von Geröll aller Größenordnungen – feiner Kies bis mannshohe Brocken –, Drahseil-gesicherten Passagen gleich zu Beginn und einem abtauenden Schneefeld bei Streckenhälfte. Die Mondlandschaft vor der Boè-Hütte war zwar alles andere als abwechslungsreich, aber auf ihre eigene Art und Weise eindrücklich. Gern wäre ich weiter als bis zur Boè-Hütte gekommen, doch ein herannahendes Gewitter machte mir mit lautem Donnergrollen unmittelbar klar: Heute müsste ich mich mit der Boè-Hütte begnügen und auf den letzten Anstieg von ca. 200 Höhenmetern bis zum Gipfelkreuz verzichten. Safety first.


Rückkehr im einsetzenden Regen (von der Pisciadù-Hütte aus gefilmt)

Von meinem kurzen „Skyrunning-Intermezzo“ kehrte ich nach einer Stunde und drei Minuten (36 + 27 Minuten) zurück, wobei die Route aufsteigend mit ca. 2:00 Stunden und absteigend mit 1:30 Stunde angegeben ist. Gar nicht so schlecht also für die ungeplante und mir unbekannte Strecke „Rifugio Pisciadù – Rifugio Boè – Rifugio Piciadù“ von 7,7 Kilometern Länge (unter Berücksichtigung der Hangneigung) und mit immerhin +/- 637 Höhenmetern. …ganz nebenbei spielte sich das alles zwischen 2585 und 2950 Metern über dem Meeresspiegel ab – mein V800 behauptet sogar, dass ich bis auf 3004 Metern „geklettert“ bin, was aber wohl aufgrund des plötzlichen Wetterwechsels und der einhergehenden Beeinflussung des Barometers nicht stimmen wird. – Dennoch: Nicht so schlecht, laborierte ich doch die acht Tage vor der Anreise nach Südtirol mit einer Sehnenentzündung an der linken Fußaußenkante und konnte in dieser Zeit gar nicht laufen.

Schon leicht eingeweicht von den ersten Regentropfen zog ich mir trockene Oberbekleidung und Regenjacke im Schutz der Pisciadù-Hütte über, bevor wir nach einer weiteren kurzen Unterhaltung mit einem Arzt-Ehepaar in Richtung Parkplatz aufbrachen. Der Abstieg erfolgte bei starkem Regen – und kurz darauf auch Hagel – über das mit Drahseilen abgesicherte Schuttkar „Val Setus“ (Nr. 666). Die Nummer des Weges gab dabei unter diesen Bedingungen das Programm vor: rutschige, abgetretene Felsplatten gefolgt von aufgeweichtem, feinem Geröll. Ein Wanderweg ist das ganz sicher nicht und der obere Teil würde auch locker als Steig oder gar leichter Klettersteig durchgehen. Leider weniger frisch geduscht kamen wir dann nach über 700 Höhenmetern auf kürzester Distanz am inzwischen fast leeren Parkplatz an, zogen uns um und fuhren über das Grödner Joch (Passo Gardena; 2121 m) hinauf zum Sellajoch (2240 m), wo wir dann einkehrten und übernachteten.

Blick vom Sellajoch auf die umliegenden Gipfel bei Sonnenaufgang

Blick vom Sellajoch auf die umliegenden Gipfel bei Sonnenaufgang

Am Montag brachen wir nach dem Frühstück zum letzten Klettersteig unseres verlängerten Wochenendes in Südtirol auf. Vom Grödner Joch (Passo Gardena; 2121 m) aus führte ein nicht sonderlich gut ausgeschilderter Weg zur Basis der Cirspitzen. Unser abschließender Klettersteig sollte uns auf die Kleine Cirspitze (2513 m) führen.

Ein kurzweiliger, schön angelegter Steig mit abwechslungsreicher Routenführung (Bild: Martin Briselat)

Ein kurzweiliger, schön angelegter Steig mit abwechslungsreicher Routenführung (Bild: Martin Briselat)

Nachdem wir zunächst den Einstieg dort gesucht hatten, wo sich – wie wir später erkennen konnten – der Abstieg befindet, begannen wir mit dem kurzen, aber ansprechenden Steig. Der Aufstieg gestaltete sich problemlos. Oben angekommen wurden wir von einem prächtigen Panorama belohnt, welches das Sellamassiv, den Langkofel und entfernte Riesen wie den Ortler einschloss.

Mein Vater beim Abstieg vom schmalen Gipfel der Kleinen Cirspitze

Mein Vater beim Abstieg vom schmalen Gipfel der Kleinen Cirspitze

Im Hintergrund des kleinen Gipfels der gewaltige Piz Boè

Im Hintergrund des kleinen Gipfels der gewaltige Piz Boè

Anschließend ging es anfangs noch mit Sicherung, später ungesichert über ein Schuttkar hinab. Immer noch bei strahlend blauem Himmel kehrten wir zum Parkplatz zurück, um die Heimreise anzutreten.

So endete ein wunderbares Wochenende in Südtirol, welches Sonne für die Läufer des TAR, uns viel Spaß beim „Kraxeln“ und mir nebenbei auch endlich wieder Schmerzfreiheit am linken Fuß brachte. Vielen Dank, Südtirol! Vielen Dank, Papa! – Ein hoffentlich sonniger Herbst kann nun beginnen, der meinerseits durch die unmittelbar anstehenden hometrails eröffnet wird. Vielleicht sehen wir uns ja dort?!

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