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Take-Home Message

Die vergangene Saison war für mich Neuland in vielerlei Hinsicht. Zu nennen sind nicht weniger als eine einschneidende, sportliche Neuorientierung, die damit einhergehenden Ambitionen und Partnerschaften und schließlich im Juli auch meine erste ambulante Operation – leider an meinem Fuß, was das Laufen nicht unbedingt begünstigte.

Es lief in diesem Frühjahr und Sommer nicht wirklich rund. Bei einem Rückblick finde ich in meinem Trainingsplan nur vier Wochen, in denen ich die angestrebten Umfänge und Trainingsinhalte abreißen konnte. Davon dreimal mit dem Vermerk: Schmerzen. – Nein, das ist nicht der Sport, den ich so liebe, der mich über so manches Schlagloch im Alltag hinwegkommen lässt. Dieser „Sport“ glich vielmehr einer körperlichen und geistigen Folter.

Und das lag nicht an meiner Neuorientierung: Glücklicher könnte ich mit dem Entschluss, von der topfebenen Tartanbahn und dem Straßenlauf Abschied zu nehmen, kaum sein. Ich vermisse wirklich nichts davon. Nicht die Art der Herausforderung und auch nicht die verstörend angespannte Atmosphäre vor dem Start und das häufig belanglose Miteinander im Anschluss, bei dem sich ein Teil über die neue persönliche Bestzeit so überbordend freut, dass sich der andere Teil am liebsten im nächsten Erdloch verkriechen möchte und für das restliche Wochenende und manchmal auch noch in der kommenden Arbeitswoche zu echten Miesepetern mutiert. Das ist nämlich der Sport, den ich gar nicht liebe. Das Laufen soll Freude bereiten und keine Selbstkasteiung sein.

Diesen Idealen kommt das Laufen abseits der befestigten Wege deutlich näher: Es gibt keine Jagd nach Bestzeiten mehr, die Herausforderung liegt in der Auseinandersetzung mit den Gleichgesinnten, der Beschaffenheit der Strecke und vor allem mit sich selbst. Mit der in der klassischen Leichtathletik herrschenden Daueranspannung kommt man hier nicht weit. Zumindest würde das Tanzen auf dem Trail, wie es Kilian Jornet beschreibt, ziemlich verkrampft aussehen und wohl einem trägen Wiener Walzer gleichen, der so ganz und gar nicht in zu den flotten Rhythmuswechseln dieser Sportart passt. Die Natur gibt dem Menschen die Strecke vor und nicht umgekehrt der Mensch der Natur.

Diese Einfachheit ist es, die ich an dieser Art des Laufens lieben gelernt habe, die mich trotz der Rückschläge dieser Saison sportlich hat wachsen lassen. Auch wenn mir unter dem Strich keine dieser plakativ benennbaren, sportlichen Erfolge bleiben, mit denen ich Partner und Sponsoren bei bester Laune halten und pfauenartig mit schillerndem Federkleid zwecks materieller und finanzieller Unterstützung hausieren gehen könnte, so nehme ich die bereits genannten, aber auch eine weitere entscheidende Lehre mit aus der vergangenen Saison:

In meiner Trainingswoche in Antholz Ende Mai deutete es sich bereits an, meine Fahrt zu den World Skyrunning Championships im Rahmen des Mont Blanc Marathons unterstrich meine Gefühlswelt. – Der erschöpfte und leere Ausdruck in Kilian Jornets Augen in den für ihn etwas ruhigeren Minuten am Vorabend des Mont Blanc Marathons, in denen er ausnahmsweise für Sekundenbruchteile mal nicht von Journalisten und Fans zwecks Fotos und Kommentaren belagert wurde, erschien mir wie ein Spiegelbild meines eigenen Empfindens: Auch in der Welt des „trail runnings“ sind es nicht die großen Events, die mich innerlich lebendig halten, sondern die ganz intimen Momente irgendwo da draußen in der Natur, die mich und keinen Anderen Einzigartiges empfinden lassen und in denen ich mir meiner allzu leichten Verletzlichkeit in meinem Dasein bewusst werde. – Mein wahrer Antrieb liegt nicht in der Teilnahme an immer wiederkehrenden Veranstaltungen, sondern im Erleben einzigartiger Momente, in denen mir mein eigener Körper und die Natur die Grenzen des für mich Machbaren aufzeigen.

Aus diesem Grund werde ich im kommenden Jahr meinen Fokus auf meine eigenen Projekte legen, die in meinen Augen von größerer Bedeutsamkeit für mich, aber auch für alle, die mir auf diesem Weg folgen möchten, sind, als dies irgendeine Veranstaltung je sein könnte. Dies bedeutet nicht, dass ich mich mit Scheuklappen in ein stilles Kämmerlein verziehen werde, sondern dass ich raus gehen werde, um die wirklich besonderen Erlebnisse zu teilen, an die man sich gern zurückerinnert. Sei es auf passive Weise mithilfe von Bildern und Texten oder auf aktive Weise wie etwa den hometrails oder auch in Form von Projektpartschaften. Ferner wird man mich bei wenigen, ausgewählten Veranstaltungen antreffen, die meine Neugierde geweckt haben.

So wird mich auch die kommende Saison aus sportlicher, aber auch aus beruflicher Sicht Neuland betreten lassen – stets mit der Hoffnung auf möglichst wenige, dieses Vorhaben potentiell gefährdende Turbulenzen im Hinterkopf.

2 Kommentare

  1. Schätze Dich glücklich, diese Erkenntnis schon jetzt zu machen. Ich sehe das alles genau so. Meine beiden längsten Trails dieses Jahres, durch Höllengebirge und Totes Gebirge, gehören zu den schönsten Laufmomenten dieses Jahres. Ohne Wettkampf, Stoppuhr und Podest. Die Selbstzufriedenheit mit mir selbst und der Welt finde ich auch nicht im Wettkampf, sondern draußen in der Natur. Nachts. Am Berg. Im Regen. Ohne Publikum.

    Wenngleich ich TRANSALPIN und den IRONMAN Hawaii natürlich nicht missen möchte, werde ich die Wochenenden im Jahr 2015 primär nicht nach Wettkämpfen, sondern nach persönlichen Herausforderungen ausrichten.

    Auf eine großartige Saison!
    Demeter

    • Dominik

      Ich hoffe sehr darauf, dass wir uns vielleicht für das ein oder andere gemeinsame Projekt begeistern können. Ich habe schon ein paar spannende Dinge in der Hinterhand, die sicherlich auch das notwendige Maß an „Verrücktheit“ mitbringen, um dich in ihren Bann zu ziehen.

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