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Tromsø Skyrace 2015

Mit Polar, meinem Ausrüster, ins Polargebiet – klingt kitschig, war es aber ganz und gar nicht. Reisechaos. Wetterchaos. Wettkampfchaos.
Irgendwie hatte ich mir das Wochenende in Tromsø doch ziemlich anders ausgemalt: Ankunft in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, Sonnenschein und 15 °C, eine Platzierung unter den besten 25 bis 30 Teilnehmern am Sonntag beim Hamperokken Skyrace (45 km, +/-4400 Hm), welches in diesem Jahr Teil der Skyrunner World Series (Ultra-Distanz) ist. Nur so viel: Es hat alles nicht funktioniert.

Welch ein Omen, dieser Blick hinauf zum Bahnsteig – nein, zur Uhr!

Welch ein Omen, dieser Blick hinauf zum Bahnsteig – nein, zur Uhr!

Sechs von sieben Einzelverbindungen hatten schließlich Verspätung, bis ich in der Nacht von Montag auf Dienstag wieder in meinem eigenen Bett schlafen konnte. Die Spezialisten von der Deutschen Bahn, SAS und Oslo Airport machten es mit ihren unzähligen Verspätungen und irrwitzigen Prozeduren (Achtung: Gepäckverlust durchaus möglich, wie ein anderer deutscher Starter am eigenen Leib erfahren musste) möglich. – Im Nachhinein kann ich daher einzig den Flug viá Stockholm und mit der Lufthansa von dort zurück nach Frankfurt empfehlen. Falls also jemand schon immer mal nach Schweden reisen wollte: Das ist die Verbindung der Wahl. 😉

Besser war das: Die Wettkampfausrüstung an den Füßen, dem Arm (Polar V800) und im Handgepäck.

Besser war das: Die Wettkampfausrüstung an den Füßen, dem Arm (Polar V800) und im Handgepäck.

Doch nun der Reihe nach: Am Donnerstag traf ich mich mit André von meinem Ausrüster, Polar Deutschland, der dankenswerterweise für die Flug- und Zimmerkosten aufkam, am Frankfurter Airport. Weiter ging es von dort aus viá Oslo (inkl. umplanmäßiger Übernachtung) schließlich nach Tromsø.

In Frankfurt war noch weitgehend heile "Reisewelt" – das sollte sich jedoch schon auf dem Weg nach Oslo ändern.

In Frankfurt war noch weitgehend heile „Reisewelt“ – das sollte sich jedoch schon auf dem Weg nach Oslo ändern.

Tromsø liegt dort, wo man ohne konkreten Anlass in Form eines Skyraces womöglich nie im Leben hinkommen würde: nördlich des nördlichen Dreiländerecks von Norwegen, Schweden und Finnland – also wirklich ganz im Norden. So verwunderte es beim Landeanflug am Freitagmorgen auch nicht, dass die aus dem Nebel herausragenden, nur knapp 1000 Meter hohen Gipfel entlang der Küstenlinien auch Ende Juli bzw. Anfang August noch schneebedeckt waren.
Und hier war es auch schon, dieses eine schreckliche Wort, das als Phänomen der Natur hier oben offensichtlich das tägliche Brot der hier lebenden Bevölkerung bedeutet: Nebel. Nebel, Wolken, nasser Dunst. Egal wie man es nennt: Es war überall und immer anwesend von der Landung bis zur Abreise. Vier Tage lang – und davon drei Tage „Salatregen“, wie ich es in Anlehnung an die Sprenkelanlagen über der Frischetheke im Supermarkt nenne. Die Temperaturen: sich asymptotisch dem absoluten Nullpunkt annähernd (nun ja, nicht ganz so schlimm, aber absinkend von etwa 14 auf nur noch 8 °C auf Meereshöhe und nahe dem Gefrierpunkt auf den Gipfeln am Sonntag).
Aber ich hatte immerhin nicht allein mit den Bedingungen zu hadern, denn es waren Teilnehmer von der ganzen Welt vor Ort: Europa, Afrika, Asien, Amerika, Australien. So bescherten zumindest die zahlreichen Unterhaltungen mit anderen „Gleichverrückten“ etwas Wärme und ein wohligeres Gefühl. …wobei letzteres beim nächsten Restaurant- oder Supermarktbesuch recht schnell wieder aufgrund der außerirdischen Preise verflog.

Kurz vor dem Start zum VK – nach etwa 400 von über 1000 Höhenmetern bis zum Gipfel des Blåmann gab es zum ersten und zum letzten Mal an diesem Wochenende so etwas wie eine Aussicht.

Kurz vor dem Start zum VK – nach etwa 400 von über 1000 Höhenmetern bis zum Gipfel des Blåmann gab es zum ersten und zum letzten Mal an diesem Wochenende so etwas wie eine Aussicht.

Am Freitagnachmittag beschloss ich spontan, mit dem „spectators‘ bus“ zum Vertikalen Kilometer auf eine benachbarte Halbinsel zu fahren, um ein paar Bilder festzuhalten, Eindrücke zu sammeln und natürlich die Starter anzufeuern. Schon im Bus gab es wieder viel zu bequatschen und Gleichgesinnte kennenzulernen. Doch das, was schließlich der „Store Blåmann“ (1044 m üNN) auf Kvaløya für uns bereithielt, überragte wortwörtlich alles. Für mich war es ein bisschen wie im Paradies: Dieser Berg vereinte auf seinen etwas mehr als 1000 Höhenmetern alles von sumpfigem, sandigen Lehmboden mit dichtem Bewuchs, karger Gebirgsvegetation und rauem, hochalpinem Gelände mit mannshohen Felsformationen alles. Und das auf gerade einmal 2,6 Kilometern Distanz. Es ist sicherlich einer der oder sogar der schönste, aber auch anspruchsvollste VK und somit zurecht einer der fünf Wertungsläufe in diesem Jahr für die World Series. Und hoffentlich auch im kommenden Jahr, denn dieses kurze und intensive, aber in dieser Form einzigartige „Vergnügen“ wäre nach dem vergangenen Wochenende wohl einer der ganz wenigen Gründe, warum ich eine solche Anreise noch einmal auf mich nehmen würde.

Weiter oben dann dieser feuchte Nebel, der in zumeist dichterer Form bis zur Heimreise unser Begleiter blieb. Immerhin gab es am Freitag beim VK auch mal ganz kurz etwas blauen Himmel zu bewundern. Der Blick hinab auf das Meer blieb mir dennoch verwehrt.

Weiter oben dann dieser feuchte Nebel, der in zumeist dichterer Form bis zur Heimreise unser Begleiter blieb. Immerhin gab es am Freitag beim VK auch mal ganz kurz etwas blauen Himmel zu bewundern. Der Blick hinab auf das Meer blieb mir dennoch verwehrt.

Auch wenn ich mich in diesem Jahr gegen einen Start beim VK entschieden habe, so bin ich dennoch bis zum Ziel aufgestiegen und habe den VK sozusagen inoffiziell und deutlich entspannter als im Wettkampf möglich absolviert. Und ich kann mich nur wiederholen: Dieser VK ist ein wahres Schmuckstück!


Meine Filmaufnahmen vom VK (einhändig gefilmt mit einem iPhone 5S) – abschließend ist übrigens die jüngste Teilnehmerin (12 Jahre) zu sehen, die weniger als 60 Minuten benötigte


Das offizielle Video zum VK

Der Samstag verlief deutlich ruhiger. Nach dem Frühstück ging es mit André hinauf zu Fjellheisen-Hütte zum Startpunkt des am darauffolgenden Tag stattfindenden Skyraces. Ursprünglich sollten hier mehr als nur eine kurze Filmaufnahme und zwei, drei Fotos entstehen, doch der zähe Nebel mit einer mehr als miserablen Sichtweite wusste dies zu verhindern. Immerhin reichte es für ein kurzes Pre-Start-Interview für die Facebookseite von Polar (s.u.). Dann hieß es wieder: Jacke überziehen und ab in die Bergstation, um nicht völlig auszukühlen.
Gegen Mittag ging es dann noch einmal für 20 Minuten in Laufklamotten in den Regen, um eine kurze Runde durch Tromsø zu drehen und die Beine auf Trab zu halten. Nach einem kurzen Plausch mit anderen Athleten und der Koordinatorin von „Skyrunning Nordic“ im Eingangsbereich des Hotels folgte eine heiße Dusche und viel Ruhe. Draußen gab es ja nichts zu verpassen – außer dem abendlichen Race-Briefing mit Kilian Jornet, der in Tromsø die Rolle des Renndirektors inne hat. Hierzu nur so viel: Die Ankündigung, dass wir am Morgen vor dem Wettkampf noch per pedes fast 400 Höhenmeter als „warm-up“ hinauf zur Bergstation von Fjellheisen aufsteigen müssten, sorgte für wenig Begeisterung. Ein paar Bilder von der Strecke sollten zudem den ohnehin schon vorhandenen Respekt verstärken.

Sonntagmorgen hatten dann vor dem Start natürlich sämtliche Cafés geschlossen (den ganzen Tag lang übrigens), so dass ich mich mit ein paar trockenen Scheiben Knäckebrot und ein paar Nüssen zufriedengeben musste. Optimale Ernährung geht sicherlich anders. Und auch die Tage zuvor war ich weit von den aus der Heimat gewohnten Kalorienmengen entfernt. Alles ist einfach so exorbitant teuer hier oben.
Nach der wenig üppigen Morgenverpflegung ging es dann auch schon los zum Start. André bestellte vorausschauend ein Taxi, da – wie sollte es auch anders sein – in Tromsø sonntags der Bus erst ab 9:10 Uhr fährt, was bei einem Start um 10:00 Uhr und dem dazwischenliegenden Aufstieg von der Tal- zur Bergstation nicht unbedingt günstig war. Hier hätte man wie auch am Freitag seitens des Organisationsteams recht einfach mit pendelnden Athletenbussen (Abfahrt vor der Ausgabestelle der Startunterlagen) Abhilfe schaffen können. Selbiges gilt übrigens auch für die potentiellen Zuschauer, die sicherlich gern zwischen Tromsdalstinden und Hamperokken an die Strecke gekommen wären, aber ohne maßlos überteuertem Taxi oder Mietwagen keine Chance dazu hatten.
Wie dem auch sei: Für mich sollte es ab 10:00 Uhr auf mein bislang größtes Wettkampfabenteuer gehen.

Vorgenommen – so offen bin ich auch im Nachhinein – hatte ich mir eine Zeit zwischen sieben und acht Stunden bei einer Platzierung unter den besten 30. Genau so lief ich dann auch an, passierte tatsächlich knapp in den Top 30 liegend den Checkpoint am verblockten, schneebedeckten und eisigen Tromsdalstinden. Ich war bereits klatschnass von Nebel und leichtem Dauerregen, aber es lief perfekt nach Plan, die Verpflegung klappte und die Beine rollten. Der mit zwei Fixseilen versicherte Abstieg in die noch etwa einen Meter hoch mit Schnee bedeckte und ziemlich steile Flanke brachte zwei vor mir liegende Läufer zum Scheuen, so dass ich passieren durfte und hier den wohl spaßigsten Moment des Tages erlebte. Dank meiner Kletterhandschuhe konnte ich fast wie auf Ski locker am Seil bergab schlittern, bevor ich von einem Streckenposten abrupt beim vereisten Übergang zum Fels zum Abstoppen aufgefordert wurde.
Der folgende Abstieg in Richtung Verpflegungsstation 2 war dann äußerst schmierig und rutschig: zunächst über Fels, Wiese und Schneefelder, dann im unteren Teil fünf Schmelzwasserquerungen (eine davon fast hüfttief) und das für mich unangenehmste Stück durch ein steiles, schlammiges Waldstück. Wer mich kennt, der weiß, dass ich ohnehin ein Uphillspezialist bin. Dieser Downhill verlangte mir also einiges ab. Schließlich schaffte ich es aber ohne allzu großen Zeit- und Positionsverlust und noch viel wichtiger, ohne Sturz, bis hinab in die Senke.
An der Verpflegungsstelle empfingen mich Katrine (Skyrunning Nordic) und Lucy (Team Salomon), die leider beider verletzungsbedingt selbst nicht starten konnten, in bester Stimmung und mit ermutigenden Worten zu Zeit und Position. Ich verpflegte mich ausgiebig, ließ mir Zeit, denn der Hamperokken erwartete mich und würde sicherlich lange Zeit in Anspruch nehmen. Mir ging es gut. Also Beine hoch und weiter ging es!
Der Anstieg führte wieder durch ein bewaldetes, sandiges und rutschiges Stück, doch ich konnte das Tempo meiner kleinen Gruppe trotz nach bereits hier inkl. „warm-up“ zum Startpunkt +/-1600 Höhenmetern auf „nur“ etwa 16 Kilometern gut mitgehen. Dann plötzlich nach 300 Höhenmetern im Anstieg krampfte zum ersten Mal eine Zehe am linken Fuß. Ein Zehenkrampf? Ich hatte bislang beim Laufen noch nie überhaupt einen Krampf und nun auch noch im Zeh? – Aber egal: Ich lief mit etwas gedrosseltem Tempo weiter und ließ meine Gruppe etwa 50 Meter wegziehen. 400 weitere Höhenmeter mit angezogener Handbremse ging das gut, doch dann: von einem Moment auf den nächsten krampften die drei mittleren Zehen am linken Fuß. Dieses Mal so heftig, dass ich den Krampf nur lösen konnte, indem ich die Schuhe auszog und für fast eine Minute gegendehnte. Dann griff ich zu dem kleinen Päckchen mit Salzkristallen und steckte zwei davon in die Backentaschen, was, wie sich später herausstellte, zumindest einen leicht positiven Effekt haben sollte, auch wenn die Zehen selbst zwei Stunden danach noch einmal leicht krampften.
Nichtsdestotrotz kreisten nun meine Gedanken: In etwa 500 Höhenmetern geht es auf den Grat zum Hamperokken, Schwierigkeit bis Kletterstufe III. Zu viel Risiko. – Du bist extra hier her gereist und nun willst du aufgeben?! Denke doch auch mal an André und Polar, die dir nach dem vergangenen Jahr ohne größeren Erfolg weiterhin ihr Vertrauen schenken. – Was wenn ich dort oben an der Wand zum Gipfel hänge und dann einen weiteren, nicht gerade unwahrscheinlich auftretenden Krampf bekommen? Und ich muss da ja auch wieder runter!

Schließlich siegte die Vernunft, auch wenn es psychisch schmerzhaft war und ich in der vergangenen Woche keinen Tag hatte, an dem ich nicht wieder das Grübeln anfing. Doch es war richtig. Das muss hier einfach mal geschrieben werden. Es wäre dumm gewesen, im schlimmsten Fall das eigene Leben zu riskieren, nur um eine kleine Chance auf ein Finish womöglich jenseits meiner Zielsetzung aufrecht zu erhalten. Kein Wettkampf und kein Berg der Welt ist so viel wert wie die eigene Gesundheit.
Ich stieg also 700 Höhenmeter ab zurück ins Tal und fuhr mit Katrine und Raf von Skyrunning Nordic zurück zum Start. Dort „überraschte“ ich dann André, der mich eigentlich noch nicht hier erwartet hätte. Leider war die Überraschung eben keine positive. Die Ursache war unklar: Waren es die kalten Schmelzwasserquerungen? Lag es an der ungewohnten Ernährungssituation? – Fest stand nur: Der Tag war gelaufen. Oder anders formuliert: Er war es nur zur Hälfte und daher ohne Ergebnis.
Da ich aber weder selbst noch meine Leser in Trübsal mit der Reise nach Tromsø abschließen lassen möchte, beende ich diesen Erfahrungsbericht im Bewegtbildformat kurz und knapp mit den schönen Dingen, die am vergangenen Sonntag geschehen sind.
In diesem Sinne: Hoch lebe die Fähigkeit zur Empathie! – Es geht immer weiter.


Das offizielle Video zum Tromsø Skyrace

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