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Unterwegs im Herzen der Rieserferner Ahrn: Wenn Himmel und Erde im geologischen Schmelztiegel aufeinandertreffen (Teil I)

Oh let’s run away and not know where we’re going to
Let’s go for today and it’s all going to be wonderful*

Es gibt viele magische Orte auf diesem Planeten und die meisten von ihnen kenne ich wohl noch nicht einmal vom Hörensagen. Einer dieser Orte lässt mich aber seit vergangenem Jahr nicht mehr los: das Antholzer Tal und die Rieserfernergipfel. – Wie gesagt: ein magischer Ort. An der Grenze zwischen Alpenhauptkamm und Dolomiten bietet dieser Ort für mich in all seiner Beschaulichkeit gleichsam eine Spannung, die mich jeden Tag aufs Neue voller Energie die Schuhe binden lässt und mich in Richtung Himmel antreibt. So verwundert es nicht, dass es mich Ende August bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr dorthin zog.

Ursprünglich wollte ich mich an einem großen, eigenen Laufprojekt versuchen, der „Durchrundung“ – wie ich es nenne – der Rieserfernergruppe mit insgesamt etwa 50 Kilometern Horizontal- und 5000 Metern Vertikaldistanz sowie der Besteigung von fünf 3000-er Gipfeln. Mein Gefühl aber sagte mir, dass die Umsetzung dieses Vorhabens in diesem Sommer zu früh gekommen wäre. Ich habe noch zu lernen, bevor ich mich den gebündelten Herausforderungen der Rieserferner Ahrn stelle. Um mich einfach nur zu versuchen und dann zu scheitern oder meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, habe ich zu viel Respekt vor diesem Ort und seiner Erhabenheit. Aber auch die „kleinen Herausforderungen“ boten von Tag zu Tag genug Anreiz. Wen wundert es da noch, dass innerhalb von nur sechs Tagen 101 Kilometer und +/-8720 Höhenmeter – das sind fast so viele Höhenmeter wie der Gipfel des Mount Everest (8848 m ü.NN) über dem Meeresspiegel liegt – zusammengekommen sind?!

Doch zunächst einmal begann meine Reise auf die zur Ferienzeit typische Art und Weise: Für die 650 Kilometer ab meiner Haustür benötigte ich satte 10 Stunden über die Autobahn und die Pustertalstraße. Für die 75 Kilometer von Innsbruck bis zur Mautstelle Sterzing in Südtirol benötigte ich allein zweieinhalb Stunden. Das sagt alles und erklärt auch, warum am nächsten Tag trotz getragener Kompressionsstrümpfe die Beine einfach nur bleischwer waren.
Ungünstig: Denn ich hatte mich spontan für den ersten Grenten-Alm-Run am Sonntag von Antholz Mittertal (1248 m ü.NN) hinauf zur besagten Alm (2002 m ü.NN) gemeldet und konnte nun auch nicht mehr kneifen. Nach etwa 500 Höhenmetern war am Sonntag aber einfach die Luft raus und ich schlichtweg nicht für einen Wettkampf zu gebrauchen. Also wurde ich binnen weniger Minuten von Platz 2 auf 6 durchgereicht und durfte eine Auswahl von Südtiroler Kaderbiathleten nun von der Rückseite betrachten. Immerhin reichte es noch für eine Zeit von 42 Minuten und 20 Sekunden und einen nicht allzu großen Rückstand auf Rang 2 von nur etwa 30 Sekunden auf den insgesamt 7,1 Kilometern und 750 Höhenmetern.

Auf der Grentenalm war die Stimmung trotz des trüben Einheitsgraus, das die umliegenden Gipfel verdeckte, aber prächtig. Und noch etwas: Von hier waren es nur noch etwa 500 Höhenmeter auf den 2483 Meter hohen Rammelstein, der mich in den Frühjahren 2014 und 2015 aufgrund der Schneeverhältnisse wiederholt in die Schranken wies. Noch einmal sollte mir das nicht passieren und so zog ich flott eine lange Hose, Windjacke und Mütze über und nutzte meine Chance. Der kontrastreiche Aufstieg zunächst über Kuhalmen, dann den kargen Grat hinüber zum felsigen Gipfelaufbau und schließlich die Kraxelei in eben diesem: herrlich! Und: zweites Tagesziel erreicht. Ein kurzer Eintrag ins Gipfelbuch und wieder hinab mit einer kurzen „Streichelpause“ bei den Kühen zur Alm. Dort wartete ja noch meine Zielverpflegung in Form von Nudeln und Tee.

Der Montag begann dann noch etwas trüber und vor allem auch nass. Für mich war das allerdings kein Grund, die Schuhe in der Ecke verweilen zu lassen. So parkte ich das Auto neben dem bekannten Biathlonstadion am Antholzer See und lief los in Richtung Staller Sattel und somit über die Grenze nach Österreich. Unterwegs merkte ich schnell, dass dies hier wohl der „Touristen-Highway“ des Antholzer Tals sein muss. Denn auch bei solch widrigen Bedingungen zog es zahlreiche Gruppen den Hang hinauf. Nun ja: Viele von ihnen wären womöglich froh gewesen, wären sie gezogen worden. Es sind ja immerhin knapp 400 Höhenmeter hinauf zum Sattel. Ich erntete wahrscheinlich auch deshalb ausgiebig Zuspruch: „So kann man das halt auch machen! Respekt!“

Am Obersee waberten Nebel- und Wolkenfelder bereits auf etwa 2000 Metern über dem Meeresspiegel. Ab 2240 Metern war dann Schluss für Montag – bis auf einige Portraits von ein paar ganz besonders hübschen Tieren.

Am Obersee waberten Nebel- und Wolkenfelder bereits auf etwa 2000 Metern über dem Meeresspiegel. Ab 2240 Metern war dann Schluss für Montag – bis auf einige Portraits von ein paar ganz besonders hübschen Tieren.

Vom Staller Sattel aus folgte ich weiterhin den felsigen Pfaden in Richtung Almerhorn und Barmer Hütte. Das Wetter blockte mich jedoch schon nach nur kurzer Wegstrecke auf etwa 2240 Metern über dem Meeresspiegel ab. Hier strandete ich vor einer dicken Nebelwand inmitten einer kleinen Kuhherde, die in aller Einsamkeit genüsslich graste. Der Wind und der Regen beeindruckten sie offenbar nur wenig – mich aber auch nicht und so zückte ich kurzerhand meine Kamera für ein paar Schnappschüsse dieser hübschen Tiere.

Zwischen Kühen und Läufern herrscht trotz aller Verschiedenheit doch immer wieder eine besondere gegenseitige Anziehungskraft.

Zwischen Kühen und Läufern herrscht trotz aller Verschiedenheit doch immer wieder eine besondere gegenseitige Anziehungskraft.

Die 6,4 Kilometer und 660 Höhenmeter zurück zum Parkplatz auf italienischer Seite vergingen dann wie im Flug. Entspannt lies ich die Beine rollen und beobachtete die hinaufziehenden Wolken beim Abregnen. Es war kein Tag mit dem großen Gipfelglück, aber ein auf seine Weise eindrücklicher, der irgendwie genau so ins Bild passte. Ich war glücklich, hier sein zu dürfen.

Der Obersee auf österreichischer Seite des Staller Sattels mit seinem Gasthaus umgarnt von weißen Waben aus Wolken und Nebel im Kontrast zum kräftigen Blau des Sees und dem kraftvollen Grün der Gebirgsvegetation.

Der Obersee auf österreichischer Seite des Staller Sattels mit seinem Gasthaus umgarnt von weißen Waben aus Wolken und Nebel im Kontrast zum kräftigen Blau des Sees und dem kraftvollen Grün der Gebirgsvegetation.

Alle Teile der Serie im Überblick:

* aus: ‚Going To Be Wonderful‘ von Tom Rosenthal

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