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Unterwegs im Herzen der Rieserferner Ahrn: Wenn Himmel und Erde im geologischen Schmelztiegel aufeinandertreffen (Teil II)

Die korrekte Überschrift für diesen Teil der Serie müsste eigentlich lauten: „Den Dolomiten ganz nah“. Denn als sich am Mittwoch zum ersten Mal die Sonne zeigte und durch das Einheitsgrau hindurchblickte, wagte ich einen Abstecher zum Pragser Wildsee mit seinem 2810 Meter hohen Seekofel, der majestätisch weit oben über dem blauen Spiegel thront. Der Weg hinauf ist mühsam, für Wanderer eine ganze Tagestour – für einen Läufer aber „nur“ ein weiteres Intermezzo im Paradies.

In den Sommerferien ist es kein Leichtes, überhaupt zum Pragser Wildsee zu gelangen. Wie mich meine Vermieterin aufklärte, dreht hier nämlich eine italienische Fernsehseifenoper in unregelmäßigen Abständen seit ein paar Jahren und seither ist halb Italien im Sommer in den Pragser Dolomiten. – Nein: nur direkt am See und auf der Zufahrtsstraße sowie den zugehörigen Parkplätzen. Denn weiter oben ist vom gigantischen Andrang am Ufer des Pragser Wildsees nichts mehr zu spüren. Nur wenige Wanderer nehmen die Anstrengung des langen Auf- und Abstiegs auf sich.
So begann mein Lauftag wie er auch enden sollte. Und zwar mit Verkehrschaos und somit zweimal 1:40 Stunde Wegstrecke mit dem Auto und dem Shuttle-Bus. Immerhin hat sich die Geduld gelohnt und die drei Stunden in den Pragser Dolomiten waren einfach wunderschön, sobald man etwas abseits vom Schuss war. Die gesamte Runde inkl. Gipfelbesteigung bot 1500 Höhenmeter verteilt auf eta 19 Kilometer durch abwechslungsreiche Landschaften und mit atemberaubendem Gipfelpanorama.

Die Wegstrecke am östlichen Ufer und vorbei an der letzten großen Almhütte hinter mir gelassen erwarten mich etwa 800 Höhenmetern über eine steile Geröllpiste (Weg Nr. 23). Dies ist bereits der kräfteraubendste Teil des Rundkurses, den die meisten Wanderer daher auch als Abstiegsroute wählen. Ich wollte aber lieber den flüssiger zu laufenden Teil der Strecke (Weg Nr. 1) als Abstiegsweg nutzen, um später meine Beine im lockeren Fluss halten zu können. Folglich ging es für mich aber zunächst etwa eine Stunde lang hinauf durch das „Dolomitengebrösel“, bis mich saftiges Grün auf etwa 2350 Metern über dem Meeresspiegel auf einer langen, aber schmalen „Hochebene“ empfing (siehe Titelbild). Die folgenden etwa 2 Kilometer mit verhältnismäßig wenigen Höhenmetern rollte ich nun hinüber bis zur Seekofelhütte. Die Hütte liegt unmittelbar neben der teil mit Stahlseilen versicherten, aber recht unkomplizierten Aufstiegsroute auf den Seekofel. Die ersten der ab hier etwa 450 Höhenmeter bis zum Gipfel verlaufen in schmalen, unwegsamen Serpentinen, bis sich der Weg nach der Drahtseilpassage etwas verläuft und mehrere schmale Pfade erkennbar werden, denen man weiter in die Höhe folgen kann, sichtbar werden.

Von der Rückseite konnte man schon erahnen, dass sich der Seekofel noch weitere 450 Höhenmetern über einem aufbauen würde, bei der Seekofelhütte waren aber erst die eindrücklichen Schichten von der Seite her zu betrachten, die dem Gipfel seinen Charakter verleihen.

Von der Rückseite konnte man schon erahnen, dass sich der Seekofel noch weitere 450 Höhenmetern über einem aufbauen würde, bei der Seekofelhütte waren aber erst die eindrücklichen Schichten von der Seite her zu betrachten, die dem Gipfel seinen Charakter verleihen.

Nach 1 Stunde und 46 Minuten ab dem Hotel am nördlichen Seeufer stand ich nun auf dem Gipfel. Hier oben traf ich unter anderem auf einen äußerst humorvollen Briten, der mit seinem Sohn auf Rundreise durch Südtirol war. Mit meiner DSLM in der Hand, die wie meist in neuer Umgebung im Rucksack mit auf Entdeckungsreise geht, wurde ich zudem schnell als geeigneter Fotograf für Gipfelbilder identifiziert und knipste somit neben den Briten auch noch eine andere kleine Gruppe – immer nah am Abgrund versteht sich, schließlich sollte ja etwas Anspannung in den Gesichtern zu sehen sein.

Der Pragser Wildsee wirkte von hier oben, aus etwa 1200 Metern Höhe, sehr überschaubar und außer ein paar Boten war von den Touristenmassen, die sich entlang dem Seeufer drängten, nichts zu erahnen.

Der Pragser Wildsee wirkte von hier oben, aus etwa 1200 Metern Höhe, sehr überschaubar und außer ein paar Boten war von den Touristenmassen, die sich entlang dem Seeufer drängten, nichts zu erahnen.

Der Ausblick vom Gipfel war fantastisch! Auf der einen Seite eröffneten sich die südlichen Weiten der Dolomiten, auf der anderen Seite blickte man unmittelbar auf den Alpenhauptkamm und nur wenige Zentimeter vor den eigenen Füßen ging es 1300 Meter entlang der Abbruchkante in die Tiefe. Hätte ich die nötige Ausrüstung dabei gehabt, wäre ich wohl am liebsten hier oben geblieben und hätte mich dem Trubel bei meiner Rückkehr zum See komplett entzogen. Diese Option hatte ich aber nicht und so folgte ein langer Abstieg über wunderschöne Pfade – größtenteils fast wie im freien Fall, selten aber auch mit einigen Stahlseilen versichert – hinab zum südöstlichen Seeufer.

Der Blick vom 2810 Meter ü.NN gelegenen Seekofelgipfel in Richtung Südosten eröffnete die Weiten und den Reichtum an Kontrasten der Dolomiten.

Der Blick vom 2810 Meter ü.NN gelegenen Seekofelgipfel in Richtung Südosten eröffnete die Weiten und den Reichtum an Kontrasten der Dolomiten.

Im Westen mündet der schmale, halbmondförmige Grat in eine zackige Felsformation, wie sie typisch für die Dolomiten ist, während im Hintergrund der Kronplatz (2275 m ü.NN) als sanfter Hügel Kontrast verleiht.

Im Westen mündet der schmale, halbmondförmige Grat in eine zackige Felsformation, wie sie typisch für die Dolomiten ist, während im Hintergrund der Kronplatz (2275 m ü.NN) als sanfter Hügel Kontrast verleiht.

Die Eindrücke von den herrlichen, verschlungenen Pfaden in allen Variationen trugen mich dann auch über den absehbaren Menschenstau am östlichen Seeufer und die erneute Fahrt mit dem Shuttle-Bus hinweg. Da war es wieder, dieses Gefühl von Glück und Zufriedenheit.

PS: Es ist kein Zufall, dass ich den Dienstag in der Chronologie übersprungen habe. Inhaltlich zugehörig wird dieser zusammen mit den Erlebnissen vom Donnerstag nachgereicht.

Alle Teile der Serie im Überblick:

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