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Neues aus der zweiten Heimat

Mein erstes Schuljahr ist geschafft und ich irgendwie auch. Zeit also für einen Tapetenwechsel. Schnell und nicht erst am 3. August, wenn der Flieger nach Tromsø durchstartet. – Was ist da naheliegender als ein Abstecher in meine inzwischen schon beinahe zweite Heimat?

So hieß es dann wieder einmal „Willkommen in Südtirol!“ Dieses Mal jedoch nach den obligatorischen (vier) Staus zwischen Nürnberg und Rosenheim und somit neun Stunden im Auto über den Staller Sattel kommend und nicht wie üblich viá Brenner. Das zumindest war eine sehr gute Entscheidung, auch wenn ich mich ganz schön ranhalten musste, um das Zeitfenster für den Passübergang – von Österreich aus immer stündlich von :00 bis :15 – noch zu erwischen. Mit einer etwa halbstündigen Rennsporteinlage das gesamte Defereggental hinauf – vorbei am legendären Örtchen mit dem klangvollen Namen „Rinderschinken“ – bis zum Sattel auf 2052 m ü.NN war dann auch das geschafft. Somit konnte ich um 16:30 Uhr endlich am Antholzer See (1642 m ü.NN) angelangt die Hände vom Steuer nehmen und kurz Kräfte sammeln, bevor es noch am Abend auf eine erste Tour gehen sollte.

Erste Tour: Antholzer See – Großes Mandl (2818 m ü.NN)
Das Hüttenzimmer bezogen schlüpfte ich in meine Laufschuhe und schon ging es los: Bei meinem letzten Besuch hatte ich etwas Pech mit dem Wetter, als ich viá Staller Sattel und Obersee hinauf in Richtung Jägerscharte wollte. Über 2240 m ü.NN kam ich im letzten Jahr auf diesem Weg dank Nebel- und Regenwand nicht hinaus. Dieses Mal allerdings schon! Das bereits gut bekannte Stück von der Enzianhütte (1650 m ü.NN, Italien) bis hoch zum Sattel (2052 m ü.NN, Österreich) ließ ich in zwanzig Minuten hinter mir, dann ging es rückseitig hinauf in Richtung Rieserferner Ahrn.

Blick auf Staller Sattel und Obersee – weit im Hintergrund der Großglockner

Blick auf Staller Sattel und Obersee – weit im Hintergrund der Großglockner

Und „hinauf“ war hier im mir noch unbekannten Abschnitt tatsächlich „hinauf“, denn die plattige Steinwüste rund um einen Schmelzwasserabfluss hatte es in sich. Glücklicherweise waren meine Beine in dieser Höhe (etwa 2450 bis 2700 m ü.NN) wieder besser unterwegs, hatte ich mein individuelles „Höhenloch“ zwischen 2200 und 2400 m ü.NN, das ich offensichtlich zum Akklimatisieren benötige, bereits hinter mir gelassen. Zügig schraubte ich mich weiter empor und war nach etwa einer Stunde und kurzer Kraxelei am Gipfel des Großen Mandl (2818 m) angelangt. Auf einen Aufstieg zur Jägerschafte (ca. 2900 m ü.NN) und zum Almerhorn (2986 m ü.NN) verzichtete ich in Anbetracht der fortgeschrittenen Tageszeit.

Das Große Mandl prominent vor Jägerscharte und Almerhorn, rechts oben ist der Aufstiegsweg zu erkennen

Das Große Mandl prominent vor Jägerscharte und Almerhorn, rechts oben ist der Aufstiegsweg zu erkennen

Auf dem Rückweg kreisten dann die Gedanken. Ich wurde zunehmend unaufmerksam. Auf etwa 1900 m ü.NN., fast schon wieder an der Hütte angelangt, dann das Missgeschick: Ein Stollen meiner Schuhe bleibt an einem kleinen Stein auf dem wohl leichtesten Wegstück der Tour hängen. Dann: Zeitlupe. Ich sah mich selbst in Einzelbildern fallen und konnte nichts dagegen tun. 3, 2, 1, Touchdown. Ich lag erstmal einen Moment da und rührte mich nicht. Die ganze linke Seite hat es erwischt: Schulter, Hand, Hüfte, Knie. Die Jacke nun mit Loch versehen, mein Körper mit Schürfwunden. Auch die Hüfte, die ich sogar fünf Tage später noch schmerzhaft spüre, meldete sich auch sofort. – Aufstehen, langsam weitertraben und nicht zu viel denken. Das geht schon irgendwie.

Zweite Tour: Antholzer See – Rote Wand (2818 m ü.NN)
Ein neuer Morgen am Rande des Antholzer Sees. Aua! Hüfte, Schulter und auch die Bänder des linken Sprunggelenks, die ich mir beim „Hängenbleiben“ zunächst unbemerkt überdehnt habe, schmerzten ganz ordentlich. Aber immerhin die Schürfwunden an Knie und Hand haben aufgehört nachzubluten und stören nicht weiter. Zum Glück, ich hatte ja schließlich noch einiges vor. …wobei ich mir zu diesem Zeitpunkt wirklich noch nicht sicher war, wie weit ich an diesem Tag kommen würde. – Dennoch: Rein in die Laufsachen, Rücksack mit Kamera gepackt – dies war der einzige der drei Tage mit zusätzlicher Ausrüstung – und Laufschuhe an. Los!

Unmittelbar gegenüber der Enzianhütte stieg ich in den Weg hinauf zur Roten Wand ein (Weg Nr. 7). Später stellte sich dann heraus, dass dies der anspruchsvollste der drei Möglichen war, was mir unterwegs nicht verborgen blieb, aber zugleich umso mehr Freude bereitete. Die ersten ca. 200 Höhenmeter zur nächsten Almhütte verliefen dann über grobes Wurzelwerk durchmischt mit Felsbrocken angenehm schattig und erstaunlich unproblematisch in Bezug auf meinen körperlichen Zustand. Ich merkte schnell, dass der Sturz vom Vortag keinen allzu negativen Effekt auf meine Laufform hatte. Im Rhythmus arbeitete ich mich zügig hinauf.

aftig grüne Beerensträucher auf etwa 2000 m ü.NN – kurzer

Saftig grüne Beerensträucher auf etwa 2000 m ü.NN – kurzer „Fotostop“

Im Streckenverlauf wurde der Untergrund zunehmend anspruchsvoller, das Gelände steiler. Trotz des gut markierten Weges musste ich sehr achtsam sein, um mich im weniger eindeutigen Terrain, das kaum Wegspuren enthielt, nicht zu weit vom Streckenverlauf zu entfernen. Das gelang mir gut und so fand ich mich kurzerhand im großen Geröllfeld unterhalb der Roten Wand wieder. Ich blickte wiederholt nach oben und fragte mich, ob das, was ich da sehe, tatsächlich das Gipfelkreuz der Roten Wand sein konnte. Ja, das war es!

Das große Gipfelkreuz der Roten Wand – noch etwa 150 Höhenmeter entfernt

Das große Gipfelkreuz der Roten Wand – noch etwa 150 Höhenmeter entfernt

Was nun folgte, war das wohl anspruchsvollste Stück des Aufstiegs: Der Untergrund wurde zunehmend bröseliger und rutschiger. Jeder Schritt musste sitzen, um genügend Halt für den folgenden Abdruck am steilen West-Hang zu finden. Die Aufstiegsroute näherte sich nun mehr und mehr dem Grat. Dort angelangt blickte ich beeindruckt auf der Gegenseite hinab und staunte nicht schlecht, als ich erkannte, wie tief es dort hinab ging.
Auf der anderen Seite in der Ferne das Biathlonstadion von Antholz (ca. 1640 m ü.NN): Wenn hier Ende Januar traditionell der IBU-Weltcup ein Wochenende Station macht, betonen die Fernsehreporter immer wieder gern, dass die Strecke doch so hoch gelegen sei und die Athleten Probleme mit der Luft bekämen. Ich sage nur: Mücke -> Elefant. Klar, bereits auf 1000 m ü.NN nimmt die Leistungsfähigkeit statistisch gemittelt um etwa 5% ab, aber so dramatisch, wie es immer dargestellt wird, ist es einfach nicht. Zumindest nicht für gesunde und austrainierte junge Athleten.

Das Antholzer Biathlonstadion aus luftiger Höhe

Das Antholzer Biathlonstadion aus luftiger Höhe

Die Nähe zum Grat und die Felsformation am Übergang nutzte ich unmittelbar für einen weiteren „Fotostop“. Mit dem mächtigen Magerstein (3273 m ü.NN) und dem Schneebigen Nock (3358 m ü.NN) – leider spätestens seit dem Lawinenunglück im vergangenen Winter einer breiten Öffentlichkeit bekannt – sowie der Geltalspitze (3126 m ü.NN) im Hintergrund war das definitiv der richtige Ort für ein gutes Bild. Brennweite, Blende und Fokus manuell eingestellt sowie den Selbstauslöser mit ausreichend Vorlauf aktiviert, damit ich ausreichend Anlauf für eine authentische Laufbewegung nehmen konnte (sehr wichtig, weil ich die übertrieben, spurtartigen Bewegungsmuster an den meisten gestellten Trail-/Berglaufaufnahmen nicht als sonderlich realitätsnah empfinde!), schoss ich das Titelbild.

…

Letzter Anlauf zur Roten Wand – das Titelbild

Schnell die Kamera wieder verstaut ging es ein paar Meter in Gratnähe und dann entspannt über einen kleinen, südseitige Pfad hinauf bis zum Gipfelkreuz. Hier war ich dann erwartungsgemäß nicht allein, denn die Rote Wand ist DER Aussichtsberg zwischen Zentralalpen und den Dolomiten. Egal ob Drei Zinnen, Marmolada oder im Norden das Glocknermassiv, alle Gipfel mit Rang und Namen waren deutlich zu erkennen.

Nachdem ich einige Fotos von anderen „Gipfelstürmern“ geknipst und mit mittlerweile ganz guter Wegekenntnis einige Ratschläge zu möglichen Abstiegsrouten erteilt hatte, ließ ich es bei meinem Abstieg gemütlich angehen, um nach dem Sturz nicht gleich vollkommen zu überziehen. Ich entschied mich also für die leichteste Strecke hinab zu Obersee und Staller Sattel.

„Green valley“ – der sanfte Abstieg in Richtung Obersee

Unterwegs traf ich dann auf zahlreiche junge Rinder, die nicht so recht wussten, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollten. Zunächst schreckhaft und zurückhaltend wurden sie innerhalb weniger Minuten zutraulich und darüber hinaus äußerst neugierig, mit was ich da eigentlich die ganze Zeit vor ihnen umher fuchtelte (Anmerkung: meine Kamera).

Der kritische Nachwuchs auf der Alm

Der kritische Nachwuchs auf der Alm

Nach einer kurzen Streicheleinheit setzte ich mich dann wieder in Bewegung und genoss das Grün, das mich von allen Seiten umgab. Diese wunderschöne Natur machte es mir leicht, schließlich auch den Unfallort des Vortages fehlerfrei zu passieren – eine aktive Traumabewältigung.

Ein Bach stürzt ins Antholzer Tal hinab

Ein Bach stürzt ins Antholzer Tal hinab

Dritte Tour: Antholzer See – Riepenscharte (2738 m ü.NN)
Dienstagmorgen und nur noch die Hüfte schmerzte etwas. Sonst ging es mir gut. Erstaunlicherweise kein Anzeichen von Muskelkater und somit bereit für eine mir noch unbekannte und für diesen Aufenthalt auch letzte Route. Dieses Mal sollte es direkt vom Antholzer See aus hinauf zur Riepenscharte gehen. Ein anspruchsvoller Anstieg, der einem insbesondere im oberen Abschnitt ganz klar zeigt, wo man sich hier gerade befindet: in hochalpinem Gelände.

Der Weg selbst ist wunderschön angelegt und bestens markiert. Die 1100 Höhenmeter im Aufstieg bieten sehr abwechslungsreiches Gelände angefangen bei strauchig bewachsenem Nadelwald, über typisch grasige Hochalmen und schließlich eine karge, graue Felslandschaft, in die sich höchstens noch ein paar Flechten und Moose verirren. Darüber hinaus gleicht kein Schritt dem anderen: Der Weg ist sehr unrhythmisch zu laufen und erfordert permanente Aufmerksamkeit. Die großen Felsplatten im oberen Teil machen das ein oder andere Mal auch ein handfestes Zupacken notwendig. Nicht ganz einfach, aber umso lohenswerter.

3D-Ansicht des Aufstiegshangs zur Riepenscharte (Quelle: Interaktive Karte, bergwelten.com)

3D-Ansicht des Aufstiegshangs zur Riepenscharte (Quelle: Interaktive Karte, bergwelten.com)

Gekrönt wird das alles, wenn man es bis hinauf zur Scharte geschafft hat – ich benötigte hierfür etwas weniger als eine Stunde –, denn dort weiß man einfach nicht, wo man denn nun zuerst hinblicken soll: In südlicher Richtung der Tiefblick ins Antholzer Tal flankiert vom Grat des Wildgalls (3273 m ü.NN) und die Dolomitengipfel, in nördlicher Richtung blitzt der Großglockner entfernt in Mitten zweier Bergflanken über der nahen Barmer Hütte hervor, westlich der bröselige Feld der kleinen Ohrenspitze (2938 m ü.NN). Doch dominiert wird das alles durch den Blick in Richtung Osten: Mächtig ragt der Hochgall (3436 m ü.NN) mit seiner (noch) schnee- und eisbedeckten Flanke weitere 700 Höhenmeter fast senkrecht empor. Der herzförmige Gletscherrest, der von einer steilen Eisrinne durchzogen wird, gibt mehr und mehr Fels frei. Dieser schimmert bronzefarben im Sonnenlicht, während Schmelzwasser tosend in die Tiefe stürzt. Im ersten Moment ärgerte ich mich, meine Kamera in der Hütte gelassen zu haben. Schnell wurde mir aber klar, dass es ohnehin zwecklos gewesen wäre, die Eindrücke mit einem Kamerasensor festhalten zu wollen. Hier trifft es wahrlich zu: Das muss man selbst erlebt bzw. gesehen haben, um es „zu verstehen“.

Um den Blick über das Antholzer Tal noch etwas genießen zu können, entschied ich mich gegen den Rundweg über Barmer Hütte und Jägerscharte und für einen Abstieg über die Aufstiegsroute. Dort begegnete ich dann einem körperlich gehandicapten Bergsteiger, den ich im Aufstieg bereits überholt hatte. Ich hielt kurz an und kam mit ihm ins Gespräch. Der etwa Fünfzigjährige aus dem Allgäu macht seit Jahren fordernde Bergtouren (u.a. im Monte-Rosa-Massiv auf über 4000 m ü.NN) und trainiert hierfür täglich eisern in einem Leistungssportzentrum nahe seiner Heimat. Seine große Motivation: Es möchte nicht in den Rollstuhl und sein Leben trotz diverser, massiver körperlicher Leiden, die ihn – so weit ich das beurteilen kann – insbesondere beim Bergsteigen stark behindern, genießen. Meine Hochachtung für so viel Willen, Disziplin und Lebensfreude! – Und ganz nebenbei hat er mir einmal mehr verdeutlicht, wie dankbar ich für meine als selbstverständlich wahrgenommene körperliche Gesundheit und überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit sein kann. Als ich zwanzig Minuten später entspannt am Seeufer stand, wusste ich, dass dort oben jemand weitere Stunden zu kämpfen haben würde, denn „mehr als 200-300 Höhenmeter pro Stunde seien in diesem Gelände kaum zu schaffen“.

2 Kommentare

    • Dominik

      Das mache ich doch sehr gerne! Noch besser wäre es natürlich live und vor Ort! – Am 12.08. findet das tatsächlich auch zum ersten Mal statt, allerdings erst einmal nur im kleinen Kreis.

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