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Erstens kommt es anders…

„Die Gipfel der zahlreichen 3000-er der Rieserfernergruppe sind wieder erreichbar“, schrieb ich noch euphorisch in meinem Ausblick auf die Sommerpläne. …wie ich mich doch irren konnte. Zwar herrschten angenehme Laufbedingungen in Südtirol, doch oberhalb von 2500 Metern hingen zumeist dichte Wolken in den Gipfeln, sodass mir der Aufstieg „auf die Riesen“ verwehrt blieb. Ausnahme: der Tag direkt vor meinem Wettkampf – der übrigens nicht derjenige war, für den ich mich zunächst entschieden hatte.

Der Magerstein (3273 m ü. NN) in Wolken gehüllt

Natürlich lief ich an jenem sonnigen Freitag nicht mehr auf einen der ganz hohen Rieserfernergipfel, sondern blieb brav am Ufer des Antholzer Sees auf 1642 Metern über dem Meer und somit weit unter den Wolken der vergangenen Tage.
– Doch ein paar Tage zurück: Ich nutzte die vorherrschenden Bedingungen zunächst für den obligatorischen Besuch auf der Rieserfernerhütte (ca. 2800 Meter über dem Meer), testete und optimierte dabei ein wenig meine Lauf-/Gehtechnik im steilen Gelände mit Stöcken und nahm mir die Zeit für einen heißen Tee beim Hüttenwirt. Meine Zeit von 1 Stunde und 10 Minuten im Aufstieg konnte sich – trotz der Stöcke und mit Reserven – sehen lassen.

Rieserfernerhütte

Und wenn es um Zeiten geht: Meine Teststrecke vom Antholzer See zur Riepenscharte, ebenfalls auf fast 2800 Meter über dem Meer gelegen, musste ich natürlich auch wieder unter die Füße nehmen. Benötigte ich 2016 noch ganze 59 Minuten, waren es im vergangenen Jahr nur noch 52:30 Minuten und jetzt blieb ich ganz knapp über 50 Minuten. Mein Training macht sich also bezahlt, auch wenn man das in der heimischen Rhön aufgrund der vergleichsweise kurzen Anstieg gar nicht so deutlich wahrnimmt.

Das Biathlonstadion von Antholz mit Riepenscharte im Hintergrund

Mein dritter „größerer Tag“ war im Vergleich zu den anderen beiden eher gemächlich, dafür aber umso abenteuerlicher. Ich stieg über die Mittertaler Ochsenalm in die Ostflanke des Hochhorns auf, querte in Begleitung von einigen Gämsen mit ein wenig Kletterei hinüber zur Sattelleite und lief schließlich über den langen Grat der Sattelleite zur Grentenalm. Unterwegs traf ich noch den Viehhirten der Ochsenalm mit seinem Collie und einem leider am Huf verletzten Jungtier. Ich hielt kurz inne und tauschte mich mit ihm aus. Dabei erfuhr ich, dass er bis vor Kurzem selbst noch aktiver Bergläufer war.

Blick vom Grat zum Rammelstein auf den Grat zur Sattelleite, Hochhorn in den Wolken

Ein weiteres kleines „Highlight“ gönnte ich mir dann trotz sehr tief wabernder Wolken am Mittwoch: vom Obersee am Staller Sattel (Titelbild) zum Großen Mandl. Auf etwa 2200 Metern tauchte ich in ein dichtes Wolkenmeer ein, bahnte mir den bekannten Weg hinauf in Richtung Jägerscharte und bog dann zum Gipfelaufbau ab. Dort erwartete mich ein ganz besonderes Schauspiel: Am vorderen Rand des Gipfelaufbaus, 1200 Meter über dem direkt darunter liegenden Antholzer See, strömten Wolkenbänder wie in einem Windkanal durch den steinernen Kessel empor. Spektakulär!
Nachdem ich den Aufstieg inkl. ein wenig Kraxelei schon recht flott bewältigt hatte, wollte ich es im Downhill mal „kontrolliert“ krachen lassen (Strava-Segment 😉 ). So wurden die ca. 700 Höhenmeter auf wirklich anspruchsvollem Untergrund kurzerhand in 16:30 Minuten vernichtet. Manchmal muss das einfach sein.

Mit dieser sportliche Vorbelastung in den Beinen fällte ich Donnerstagabend aufgrund der instabilen Wetterprognose für das Gran-Paradiso-Gebiet in den folgenden Tagen einen Entschluss, der sämtliche Planungen vergessen machte. Der „Becca di Nona“ am Sonntag wurde somit kurzerhand durch eine Nachmeldung für den Internationalen Karwendel-Berglauf in Mittenwald am Samstag ersetzt und der Gran Paradiso muss auf mich warten (…wohl eher umgekehrt). Dies bedeutete zugleich einen Tag weniger Zeit zum Erholen von der körperlichen Belastung der Vortage (ca. 6000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg). Optimal war das nicht, aber so konnte ich mir zusätzliche 650 Kilometer auf den Autobahnen Italiens und der Schweiz ersparen und dennoch bei einem gut besetzten Wettkampf starten.

Die anspruchsvolle wie abwechslungsreiche Strecke des Karwendel-Berglaufs startete inmitten der touristenbevölkerten Fußgängerzone von Mittenwald und folgte anschließend zunächst breiten Forststraßen, dann schmalen Naturwegen mit Wurzeln, kräftezehrenden Geröllfeldern (Dammkar) und – als Höhepunkt – einem 440 Meter langen Tunnel in 2.200 m Seehöhe durch das Karwendelmassiv bis zum Erreichen der Nördlichen Linderspitze (2374 m ü. NN) an der bayerisch-tiroler Grenze. Nach mehreren Jahren mit schlechten bis mäßigen Wetterbedingungen und daher verkürzter Strecke konnte in diesem Jahr die volle Streckenlänge von 11 Kilometern und 1462 Höhenmetern im Aufstieg belaufen werden, was mich mit einem breiten Grinsen im Gesicht im Ziel ankommen ließ – der Mann von der Bergwacht war zunächst leicht irritiert. 😉

Ich benötigte 1:18:13 Stunde, wurde 12. der Gesamtwertung und lag etwa zehn Minuten hinter dem Sieger aus Polen sowie dreieinhalb Minuten hinter dem bestplatzierten deutschen Läufer, Thomas Kühlmann. Das geht in Anbetracht der Woche in Südtirol in Ordnung.

Ergebnisliste Karwendel-Berglauf

In Bezug auf die Besetzung des Läuferfeldes war für mich aber vor allem der unmittelbare Vergleich mit Läufern aus der Berglaufnationalmannschaft des DLV reizvoll. Mit dem Routinier Sebastian Hallmann (10.) und dem Nachwuchsläufer Robert Sußbauer (9.) waren gleich zwei DLV-Athleten innerhalb von eineinhalb Minuten in Schlagdistanz. Zudem lief ich unmittelbar hinter Konrad Lex (11.) ins Ziel, der im vergangenen Jahr Gesamtzweiter beim Zugspitzmarathon wurde und auf eine lange, erfolgreiche Laufbahn als Skibergsteiger und Bergläufer zurückblicken kann. Das hohe Trainingspensum in diesem Jahr zeigt also erste kleine Erfolge, die in die richtige Richtung weisen.

Jetzt beginnt das innerliche Grübeln über weitere Vorhaben und ein kurzes Durchatmen nach 79 Kilometern mit 7300 Höhenmetern innerhalb von nur einer Woche. – Fest eingeplant ist weiterhin die Teilnahme an den Skyrunning World Championships in Glencoe, Schottland, im September. Insbesondere der Vertikale Kilometer dürfte mir hier durch sein Streckenprofil entgegenkommen. Diesem gehört daher auch mein ganzer Fokus, wohingegen die Sky-Distanz in guter Naturwissenschaftlertradition „mein Experimentierfeld“ sein wird.

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