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Skyrunning World Championships 2018: Fokus (Teil 1)

In den vergangenen Tagen habe ich, gezwungenermaßen, viel Zeit zum Reflektieren gefunden. Dabei sind mir insbesondere zwei Begriffe immer wieder durch den Kopf gegangen: Fokus und Dankbarkeit. Meinen Bericht über das in den schottischen Highland Erlebte habe ich daher zweigeteilt und ebenso benannt.

Fokus. Es ist Mittwochmorgen, der Wecker klingelt. Alles wie immer. – Nur fast, denn es ist DER Reisetag. Heute geht der Flieger nach Glasgow. Die Skyrunning World Championships, die nur alle zwei Jahre ausgetragen werden, warten auf mich. 2016 war ich in Spanien nicht dabei, umso geschärfter bin ich dieses Mal. Ganze acht Monate der Vorbereitung oder in Zahlen 2320 Kilometer und 83.500 Höhenmeter im Auf- wie im Abstieg habe ich in den Beinen. So viel habe ich noch nie trainiert. Bis auf einen harmlosen Sturz auf einer Forststraße lief das Training ziemlich glatt: keine Verletzungen, keine langwierigen Erkältungen, nur eine rückblickend sogar nützliche Regenerationsphase nach einem Zeckenstich. In den letzten Wochen habe ich ganz nebenbei sämtliche Strava-Segmentbestzeiten in der heimischen Rhön pulverisiert. Ich bin auf den Punkt fit.
Bus, Bahn, Flugzeug, Auto – zehn Stunden bin ich an diesem Mittwoch auf den Beinen beziehungsweise auf meinem Allerwertesten im Linksverkehr, bis ich um 19:30 Uhr in meiner Unterkunft am Ufer des Loch Linnhe ankomme. Auf einen kurzen Dauerlauf verzichte ich und gehe gleich unter die Dusche. Alt werde ich heute sowieso nicht mehr und der Schlaf ist wichtiger als alles Andere. Morgen ist Wettkampftag. – Nein, DER Wettkampftag.

Am Donnerstagmorgen läuft alles wie von selbst ab: drei Kilometer lockeres Laufen mit zwei Steigerungen auf dem Uferradweg, Duschen, Frühstücken. So richtig spannend ist ein Wettkampftag für einen außenstehenden Beobachter nicht gerade. So verwundert es auch nicht, dass die verbleibenden dreieinhalb Stunden bis zur Fahrt nach Kinlochleven, dem Startpunkt aller Wettkämpfe an diesem langen Wochenende, einzig aus Herumliegen und Mittagessen bestehen.
Alles ist auf 16:12:00 Uhr hin zugespitzt. Das ist meine Startzeit, mein Slot für den als Time Trial ausgetragenen Vertikalen Kilometer. Ich bin im Tunnel. Bei rund 8 °C jagt ein Regenschauer den nächsten, der Wind pfeift kräftig – Orkanstärke im Aufstieg teilt man mir mit. Das stört mich alles herzlich wenig. Damit müssen schließlich alle klar kommen und heute geht es um meine eigene Leistung. Ich möchte mich für meinen langen Anlauf belohnen und einfach genießen, hier sein zu dürfen.
16:02 Uhr. Zehn Minuten vor meiner Startzeit checke ich im Startbereich ein, erhalte meinen Transponder. Und ich erhalte auch eine Nachricht: Wenn du möchtest, kannst du schon um 16:06:30 Uhr antreten. – Das sage ich doch nicht nein, wärmer wird es nicht mehr. Innerlich bin ich heiß!

16:06:30 Uhr. Und ab dafür! Ich fliege die Hauptstraße durch Kinlochleven entlang. Kurz höre ich ein paar Anfeuerungsrufe von Marino Giacometti, dem Kopf der International Skyrunning Federation und Legende des Sports. Wenige Meter später geht es rechts der Hauptstraße auf den Trail. Auf dem steinigen Untergrund kommt mir ein kleiner Bachlauf entgegen. Egal, denn wenn die Füße erst einmal nass sind, sind sie nass. Ich gebe Vollgas, überhole schon jetzt die ersten vor mir gestarteten Läufer. Am Streckenrand immer wieder Zurufe, unter anderem von Stian Angermund-Vik, dem norwegischen Doppelweltmeister von 2016 (VK und Sky) und nach mittlerweile drei Aufeinandertreffen auch einem guten „Freund“ sowie von Jonathan van der Krogt, der mir bei sämtlichen Skyrunning-Wettkämpfen begegnet und mir aufgrund seiner ausgestrahlten Lebensfreude immer wieder Bezugsperson ist.

Volle Kraft voraus!

Ich höre von all jenen Menschen nur ihre mir bekannten Stimmen, sehe sie nicht. Mein Blick ist viel zu eng auf die Strecke vor mir gerichtet. Die Beine laufen wie von selbst. Dann eine kurze Wegquerung, bevor es steiler und schlammiger wird. Ich behalte den Laufschritt bei, sicherlich noch für zehn weitere Minuten. Jetzt wird es so steil, dass es mir bei dem schwierigen und ungewohnten Untergrund immer schwerer fällt, noch zu laufen. – Später wird sich herausstellen, dass auf diesem Kilometer 420 Höhenmeter zu überwinden sind.

Übergang zum steilen Grashang

Der kalte Wind sorgt dafür, dass ich mein linkes Augenlid nicht mehr schließen kann und die Arme zunehmend ungelenk werden. Ich kenne nur eine Richtung. Ich beiße die Zähne zusammen, stütze mich mit meinen Händen auf die Oberschenkel und drücke den mit hohem Gras bewachsenen, felsigen Hang hoch. Ich brülle mich kurz selbst an.

Hände auf die Oberschenkel

Der Hang wird wieder flacher. Meine Waden brennen, ich spüre eine Krampfneigung. Ich beginne zu beschleunigen. Ich laufe wieder. Vor mir wird der Untergrund felsiger. Die Sicht ist gleich Null. Plötzlich zwei Männer und eine orangene Markierung: das Ziel. Ich lege meinen Transponder auf die Zeitmesseinrichtung, gehe zwei Schritte nach rechts und lasse einen Freudenschrei los. Der Blick auf die Uhr bestätigt mir: zu Recht. Unter diesen widrigen Umständen habe ich es geschafft, mein Zeitziel von 48:xx Minuten zu erreichen. Unterwegs wurde ich nicht einmal überholt, habe aber bestimmt zehn Läufer eingesammelt. Ich war noch nie in einem Wettkampf so fokussiert wie an diesem Tag.

Ich setze meinen Laufrucksack mit der Pflichtausrüstung ab, greife nach meiner Regenjacke, um nicht noch mehr auszukühlen und mich für den Abstieg vorzubereiten. Es zerrt an meiner linken Schulter. Einer der Zielposten möchte, dass ich noch einmal meinen Transponder auf das Zeitmessgerät lege. Ich verstehe zunächst nicht, bis er mir erklärt, dass ihm angezeigt wird, dass für die Startnummer 35 noch keine Endzeit genommen wurde. – Ich nehme es ungläubig hin. Die Bedeutung werde ich erst später mit dem Erhalt meines Ergebnisausdrucks zurück im Tal realisieren.
Weiter packe ich meine Regenjacke und Regenhose aus. Fast eine viertel Stunde benötige ich, diese anzuziehen, so steif sind bereits meine Arme und Hände aufgrund des eisigen und nassen Windes. Auf meinem Weg ins Tal begegne ich zahlreichen Fotografen, die ich im Aufstieg gar nicht wahrgenommen habe. Sie sitzen unter ihren überdimensionierten Regencapes. Die Kameras blitzen in unregelmäßigen Abständen kurz hervor, verschwinden dann wieder unter den Abdeckungen. Ian Corless, einer von ihnen und aus persönlichen Gesprächen bekannt, ruft mir zu, dass ich so schnell wie möglich absteigen solle, um nicht zu unterkühlen. Er könne hier oben nicht einmal seine Objektive trocken halten oder vor dem Beschlagen schützen. Auf halber Strecke treffe ich auf Stian und seinen härtesten Konkurrenten und späteren Weltmeister Remi Bonnet, die sich beide noch im Aufstieg befinden. Lauthals feuere ich Stian an, der einen fabelhaften Eindruck hinterlässt. Umso erstaunter werde ich später sein, wenn ich erfahre, dass er trotz neuer persönlicher Bestzeit um zweieinhalb Minuten vom jungen Schweizer Remi Bonnet geschlagen worden ist. – Den weiteren Abstieg nutze ich, um mich bei den Streckenposten für ihren großartigen Einsatz zu bedanken. Wer bei solchen Bedingungen länger als vier Stunden am Berg an Ort und Stelle ausharrt, der verdient größte Anerkennung!

Ergebnisliste der WM über den Vertikalen Kilometer

Zurück in Kinlochleven dann ein wenig Ernüchterung: Platz 41. Das Teilnehmerfeld war wirklich sehr stark besetzt. Sieben Sekunden fehlen zu Platz 40. Die missglückte Zeitmessung kostete vermutlich bereits mehr als das. – Anmerkung: Die Strava-Bestenliste deutet auf einen Zeitverlust von neun bis zehn Sekunden hin und sortiert mich den Rang nach vorn.
Auf meine Leistung bin ich dennoch sehr stolz: Es ist mir über den langen Zeitraum von acht Monaten geglückt, mich auf diesen Nachmittag vorzubereiten und schließlich den Fokus vom ersten bis zum letzten Meter trotz der extremen äußeren Umstände beizubehalten. So sehr dabei war ich noch nie.

Mamores VK
Distanz: 5,0 km
Höhendifferenz: +1022 m
offizielle Zeit: 48:58 min
Platzierung: 41. / 241 (Männer)
1. M/F: Remi Bonnet (39:23 min) / Laura Orgue (51:35 min)

Kicking off the 2018 Skyrunning World Championships

The #SkyWorldChamps18 kicked off with the VERTICAL race and records were smashed:
🇪🇸 Laura Orgué (-1m 13s) & 🇨🇭 Rémi Bonnet (-2m 42s) 🙌
Congratulations to all runners battling the harsh weather today – a tough day out on the VK course 👏
#SkylineScotland

Gepostet von Salomon Mamores VK am Donnerstag, 13. September 2018

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