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Skyrunning World Championships 2018: Dankbarkeit (Teil 2)

„Denn ohne das Bittere ist das Süße nicht so süß“, heißt es in einem chaotischen Thriller über das Verschwimmen von träumerischer Sicherheit und realem Wahnsinn. Ebenso wie dieses Filmzitat wohl das Leben an sich treffend umreißt, so bringt es meine Erlebnisse des zweiten Wettkampftages in Schottland sowie die Tage danach auf den Punkt.

Dankbarkeit. Die Beine sind schwer, gezeichnet von den Krämpfen der letzten beiden Nächte. Nach dem VK am Donnerstag habe ich mit körperlicher Erschöpfung zu kämpfen, wie ich sie von einem reinen Berganlauf nicht kenne. Das tiefe Geläuf und das kalte Orkantief haben mir meine Kräfte beinahe vollständig geraubt. Nichtsdestotrotz beschließe ich, am heutigen Samstag an den Start der Sky-Distanz zu gehen: 28,5 Kilometer sowie offiziell 2530 Höhenmeter in Auf- und Abstieg. Ich werde die Herausforderung langsam angehen, mit Gefühl laufen. Dieser Samstag ist für mich ohnehin Zugabe.

Mit rund 700 Läuferinnen und Läufern stehe ich um kurz vor 10 Uhr am Start vor der Ice Factory in Kinlochleven. Ich bin entspannt, freue mich auf das Abenteuer. – Der Startschuss fällt, ich reihe mich locker anlaufend am Ende des ersten Drittels ein. Mit dem Abbiegen auf den Wanderpfad am Ortsausgang von Kinlochleven beginnt das Gerangel. Ich halte mich wohlwissend, dass sogleich ein 1000 Höhenmeter langer Anstieg zur Devil’s Ridge folgen wird und ich hier trotz meiner „dicken Beine“ nicht der Schlechteste sein dürfte, raus. Und genau so kommt es dann auch: Locker trabend überhole ich Läufer um Läufer. Ich genieße es, habe Spaß. Am Streckenrand nehme ich hin und wieder Kontakt zu den erstaunlich zahlreich erschienenen Zuschauern auf. Mit jedem Meter strebt meine Laune einem neuen Hoch entgegen. Meine muskulären Probleme der vergangenen Tage habe ich zu diesem Zeitpunkt komplett ausgeblendet.

Am Beginn der Devil’s Ridge habe ich mich mit zwölf Minuten Abstand zum Führenden entspannt laufend in 57:36 min auf Platz 88 eingereiht (CP1 Sgorr an Iubhair). Der Grat vor mir mit seinen ständigen Aufs und Abs liegt in dichten Wolken. Links und rechts geht es steil hinab, insofern ist die Wetterlage gar nicht mal von Nachteil, auch wenn ich in den verregneten Tagen meiner Reise nichts gegen einen gescheiten Ausblick gehabt hätte. Ich genieße diesen Streckenabschnitt voll und ganz, fühle mich nun angekommen im Geschehen. Ein breites Grinsen begleitet mich, bis ich nach 16 Minuten und 47 Sekunden schon am anderen Ende des Grates angelangt bin (CP2 Sgurr a‘ Mhaim).

Mittlerweile bin ich zur zierlichen Schwedin und „Entdeckung der Saison“ Lina El Kott Helander aufgelaufen, die zwischenzeitlich auf Rang 5 der Frauenwertung liegt. Da sie ähnliche läuferische Stärken und Schwächen zu haben scheint wie ich, finde ich in ihr bis zur einzigen Verpflegungsstelle in Glen Nevis (CP3) eine Laufpartnerin. Vom Ende der Devil’s Ridge geht es über Geröllfelder, Felsstufen und sumpfiges Grasland mehr als 1000 Höhenmeter auf gerade einmal drei Kilometern Distanz hinab ins Tal. Wir gehen es gemächlich an, versuchen uns bestmöglich für die zweite Streckenhälfte und den zweiten langen Anstieg zu schonen. Nach 1:41:37 h komme ich mit sieben eingebüßten Plätzen an der Verpflegungsstelle an. Ich lasse mir Zeit, fülle meine Trinkflasche auf und nehme die erste von fünf Gelportionen zu mir. Bislang läuft es in Anbetracht meiner Erwartungen fantastisch, fast zu gut um wahr zu sein.

Locker laufe ich zunächst auf einem schmalen Pfad, dann über ein kurzes asphaltiertes Stück in Richtung Flussquerung, die mich am Talende erwarten wird. – Aua! Aus dem Nichts schießt ein Schmerzimpuls aus dem linken Bein ins Gehirn. Ich kann nicht mehr auftreten, muss humpeln. Die Oberschenkel- und Wadenmuskulatur meines linkes Beines hat komplett zu gemacht. Die nächsten eineinhalb Kilometer bleibt mir nichts Anderes übrig als vorsichtig zu gehen. Ich werde stetig von anderen Läufern überholt, büße bestimmt 15 Plätze ein. Mit jedem Schritt krampft es wieder, ich lächle dennoch. Dann sehe ich endlich die Flussquerung und den nächsten, etwa 600 Höhenmeter langen Anstieg. Ich versuche ganz vorsichtig wieder zu laufen und nehme vorsorglich zwei Gelportionen auf einmal. Es klappt!

Voller Enthusiasmus beschleunige ich in den langen Anstieg hinein. In Serpentinen geht es empor. Ich mache Platz um Platz gut. Und vor allem: Ich fühle mich gut, ja, immer besser! Ich bin überzeugt von meinem Comeback. Jetzt läuft wieder alles wie von allein. So komme ich nach 02:59:06 h als 80. am CP4 (An Gearanach) an. Gute 30 Plätze habe ich im Uphill aufgeholt, weit mehr als ich durch den Krampf verloren hatte.

Nun befinde ich mich auf dem zweiten Grat, die nächsten beiden Zwischengipfel bereits vor Augen. Den Zwischenabstieg nehme ich vorsichtig, drücke mir die verbliebenen Gels rein und beschleunige bergan wieder. Den zweiten Zwischengipfel (CP5 Stob Coire a‘ Chairn) erreiche ich etwa 18 Minuten später, ohne eine Veränderung meiner Gesamtposition. – Derweil ist mit Kilian Jornet der neue Weltmeister nach gerade einmal 03:04:34 h im Ziel in Kinlochleven angekommen.

Da ist es wieder: aua! Meine Muskulatur meldet sich im kurzen Downhill über den Felskamm zurück, mit jedem Auftreten eine neue Krampfneigung. Ich muss gehen und jeden Schritt präzise zu setzen. Ich verliere langsam Platz um Platz. Auch im Aufstieg zum letzten Gipfel des langen Grates kann ich meine Berganstärke nicht mehr ausspielen. Hier ist das Gelände besonders technisch und ich muss weiterhin jeden Fußaufsatz genau bedenken, um nicht zu verkrampfen. Auf Platz 85 liegend komme ich schließlich am CP6 (Am Bodach) an.

Mit dem Erreichen des letzten Gipfels kommt jedoch auch die Gewissheit, dass mich nun nochmals mehr als 1000 Höhenmeter im Abstieg erwarten werden – dieses Mal jedoch mit dauerhafter Krampfneigung. Und die Krämpfe lassen nicht lange auf sich warten: Binnen elf Minuten verliere ich so sieben Plätze. Ab hier ist es nur noch eine Qual. Innerlich ist mir zum Heulen, äußerlich gelingt es mir zumindest nicht mehr zu strahlen und es regnet. Vorbei am letzten Check Point (CP 7 Mamores Ridge) geht es hinab ins Tal durch knöcheltiefen Schlamm, der hier und da von Felsen durchzogen wird. So ist garantiert jeder Schritt eine Überraschung für meine malträtierte Muskulatur. Ich komme nur noch im Schneckentempo voran. Ich werde weiter durchgereicht, kann nichts dagegen machen. Fast 58 Minuten benötige ich für die 1032 Höhenmeter bergab vom letzen Gipfel bis ins Ziel. – Der Sieger „vernichtete“ diese trotz eines Sturzes in 28 Minuten. – Die letzten Meter auf der Straße bis zur Ice Factory bringe ich irgendwie würdevoll hinter mich.

Dann die Erleichterung: Ich habe es geschafft! Seit rund drei Stunden habe ich ein ständiges Auf und Ab durchlebt, wurde von Krämpfen geplagt und in der letzten Stunde auch von unbändigem Hunger und Durst, da meine Vorräte vor dem letzten Gipfel bereits aufgebraucht waren. – Ich bin einfach nur dankbar. Dankbar für das Erlebte und auch dankbar, dass das alles nun ein Ende hat, nach 4 Stunden, 41 Minuten und 4 Sekunden auf Platz 100. Das ist kein glanzvolles Ergebnis, aber ich bin stolz darauf, nicht aufgesteckt zu haben und den Kampf mit meinen Beinen doch noch irgendwie „gewonnen“ zu haben. So ist es ein Sieg meiner Willenskraft über meine an diesem Tag aufgetretenen körperlichen Schwächen.

Ergebnisliste der WM über die Sky-Distanz

Zurück aus Schottland sollte es sportlich eine ruhige Woche geben und meine Laufsaison mit der Titelverteidigung beim Rhön Super Cup Finale in Steinbach zu Ende gehen. Ruhig wurde die Woche dann tatsächlich und auch die kommenden Wochen werden ruhig bleiben, denn am Mittwochabend verunfallte ich mit meinem Crossrad am Rande des Dammersbacher Waldes. Dabei zog ich mir keine schweren, aber ernsthafte Verletzungen an meiner linken Körperhälfte zu. Insbesondere mein Hüftgelenk wird voraussichtlich mehrere Wochen benötigen, um wieder schmerzfrei und voll belastbar zu sein.
Doch auch dieser Situation, so sehr sie mich zugegeben in den letzten Tagen belastet hat, kann ich etwas Positives abgewinnen. So schlug ich auch mit dem Kopf auf, mein Helm dämpfte den Aufprall jedoch so gut ab, dass ich in diesem Bereich keinerlei Verletzungen davon trug. Hierfür bin ich sehr dankbar. Einen neuen Helm habe ich übrigens bereits gekauft.
Weiterhin bin ich sehr dankbar für all die aufmunternden Worte und Besserungswünsche von Freunden, Sportkollegen sowie Schülerinnen und Schülern!

Ring of Steall Skyrace
Distanz: 28,5 km
Höhendifferenz: 2530 m
offizielle Zeit: 04:41:04 h
Platzierung: 100. / 529 (Männer)
1. M/F: Kilian Jornet (03:04:34 h) / Tove Alexandersson (03:46:28 h)

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